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#008

Das klare Badewasser ist schon kalt. Schon viel zu lange. Meine Haut ist weiß und von der Kälte aufgeweicht. Der Stoff des T-Shirts klebt am Rücken, am Bauch, an meiner Haut. Das Schwarz des Mascaras ist auf meinen Wangen getrocknet. Die Tränen sind stumm und sinnlos verebbt und mit dem Badewasser verbunden. Salziges Wasser. Zu wenig Salz. Wie immer zu wenig. Nicht genug. Seelen, Gedanken und Handlungen reichen nicht aus. Ich reiche nicht aus. Für niemanden. Die Haare hängen in feuchten Strähnen über mein Gesicht und verschleiern das, was war. Die Frage nach dem, was passiert ist, stelle ich mir seit Stunden schon nicht mehr. Die Türen sind verschlossen und die Kälte kriecht in die Seele. Das Salz im Badewasser wird jetzt neutralisiert, beschließe ich. Ich bin in der Lage Beschlüsse zu fassen. Immer noch, denke ich langsam und zaghaft. Ich sollte sanft sein. Bin ich aber nicht. Nie gewesen. Noch einmal kurz die Augen schließen. Eine kurze Zeit. Eine lange Zeit. Zeit. So relativ wie Leben an sich. Leben an mir? Danach solltest du suchen. Hast du etwas gefunden? Oder nur etwas, was sich Zerstörung nennt? Du weißt es selbst schon gar nicht mehr, oder? Es wird, ist und war immer meine Schuld. Mir gegenüber ist etwas, was die Menschen Spiegelbild nennen. Das bin ich. Nicht. Niemals. Ich lege den Kopf schräg und betrachte meine Lippen, meine Augen. Leer und alles ist viel zu kalt. Trotz ewiger Dunkelheit kann ich mich nicht erkennen. Aber ich sehe ein Gesicht. Ob dies meines ist, werde ich niemals herausfinden. Weil ich mich niemals finden werde. Weil ich die Suche schon seit Jahren aufgegeben habe.

Die Wasserneutralisation. Der Plan. Stand er nicht schon vor Stunden fest? Und ich frage mich, warum es immer noch ein Stück Überwindung kostet das Wasser zu neutralisieren. Meine Hand geht nach rechts und tastet nach etwas, was dort schon seit Stunden auf Beachtung wartet. So, wie ich von dir beachtet werde. Das Badezimmer wird durch einen Blitz erhellt. Ein künstlicher Blitz. Ich ignoriere die Tatsache, dass es so etwas gibt. Das Feuerzeug leuchtet auf und entzündet den Tabak in dem Papier. Zigaretten sind eine kurzzeitige Erlösung. Kurze Zeit. Der Qualm scheint geruchsneutral zu sein. Ich bin neutral und meinungslos. Gedankenlos. Und ich habe die Ignoranz gepachtet. Wie lange habe ich dich ignoriert? Drei Stunden? Und immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass du dort sitzt. Du mit deinem künstlichen Blitz. Du, der mich sieht und verachtet. Der, der mich sieht und kaum erkennt. Es macht dir Spaß. Wie es mir dabei geht hat an Bedeutung verloren. Bedeutungslosigkeit ist meine Miete. Der künstliche Blitz macht den Zigarettenqualm sichtbar. Der Geschmack tut in den Wunden weh. Die Wunden im Mund. Ein leichter Nachgeschmack von Blut. Metallisch und süß zugleich. Stumme Gewalt hat dich dazu getrieben. Die Welt macht aggressiv. Und mich macht das alles nur noch müde. Und wenn man niemals schlafen will ist, ist man niemals komplett wach. Dir entwischt ein Seufzer. Und mir wird schmerzlich bewusst, dass du immer noch da bist. Ich kenne deinen Körper. Jeden Zentimeter deiner physischen Existenz. Aber was du denkst, ist frei. Freiheit. Eine ruckartige Bewegung aus deiner Ecke. Ich schrecke zusammen. Das Metall schneidet sich in meine Handgelenke. Und kein Laut entwischt meinem Mund. Meinem Inneren. Meiner Seele. Du hast mein Leben in Ketten gelegt. Alte, rostige Metallketten. Das Zimmer erinnert an einen schlechten Film. Aber du drehst schon lange keine Filme mehr über Puppen. Ich frage mich, wie lange du noch schweigen willst. Dein Schweigen tut mehr weh als deine Schläge. Ich bin selbst Schuld. Das hier ist allerdings keine Frage der Schuld. Sondern eine Frage der Macht. Aber wenn niemand diese Frage stellt, werde ich weiterhin lügen. Und sagen, dass ich so etwas, wie Freiheit, besitze. Ich werde sagen, dass ich hingehen kann, wo ich will. Und, dass ich bleiben werde, so lange ich will. Dass du meinen Willen willst, will ich dabei gar nicht wissen. Ich spüre deine Ungeduld. Deine Wut auf meine Existenz. Habe ich mich jemals dafür bei dir entschuldigt? „Mach schon!“ zischst du mir mit deiner verrauchten Stimme entgegen. Ich sage nichts. Der Mut etwas gegen deinen Willen zu sagen ist vor Jahren gestorben. Und ich bin einfach mitgegangen. Es ist nicht so, dass es noch weh tun würde. Aber ich weiß, dass es dir weh tut. Und, dass ich dir weh tun kann. Die Frage nach der Macht wird niemals gestellt. Das wäre zu gewagt. Von dir. Von mir. Das alles verliert täglich an Relevanz. Mein Leben verliert an Inhalt. Ich handle zwischen Zigaretten, Klingen, Ketten und dir. Du, der Puppenspieler mit dem künstlichen Blitz. Ich hätte fast deinen Befehl vergessen. Fast hätte ich dich vergessen. Fast hätte ich mehr riskiert, als ich riskieren darf. Ich greife nach links und spüre, wie mich die Ketten ein Stück zurückhalten, aber ich muss stärker sein, als simples Metall. Schon immer. Auch, wenn ich allein bin. Und das bin ich. Auch, wenn du dabei bist, während ich allein bin. Du hast gelitten. Sehr viel. Früher. Ohne mich. Ich weiß, dass es dir ohne mich immer schlecht ging. Aber dann haben wir uns gefunden. Du magst kein Feuer. Du magst lieber kalten Wind, gefrorenes Wasser und kaltes Metall. Die einzige Wärme, die du duldest, ist die Wärme meines Blutes. Ich berühre die Klinge und schließe für kurze Zeit noch einmal die Augen. Nur, um dir zu zeigen, dass ich unter deinen Handlungen leide, während du seit Stunden still in deiner Ecke sitzt. Während du mir durch dein Schweigen zeigst, dass du da bist. Immer und immer wieder. Das Wasser bewegt sich. Ich bewege mich langsamer, als alles andere dieser in Welt. Dein Blitz erhellt den Raum. Und schon ist wieder alles dunkel. Ich rieche den Rum in der Luft. Du atmest ihn aus. Durch deine Haut. Durch deinen Mund. Durch deine Augen. Und der Rest wird der Welt verborgen bleiben. Du legst deinen künstlichen Blitz zur Seite und betrachtest mich durch die Dunkelheit. Ohne mir ginge es dir schlecht.
19.3.08 12:30
 
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spiegelscherbe / Website (21.3.08 13:38)
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