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#011

Irgendwas ist hier anders, denke ich und verlasse mein schwarzes Auto. Ich schaue mich misstrauisch um und versuche etwas ungewöhnliches zu erkennen. Aber alles sieht so aus wie immer. Sicherheitshalber zünde ich mir noch eine Zigarette an. Zur Beruhigung.

Meine Schritte sind kaum zu hören als ich die Treppen zu der Wohnung im zweiten Stockwerk hochgehe. Mir fällt auf, dass ich keine Musik höre. Ich höre auch keine Gläser zerbrechen oder Schläge gegen die Wand. Nichts. Vollkommene Ruhe. Wie angenehm, denke ich.

Ich bin rebellisch, total. Und so ziehe ich an meiner Zigarette und qualme das Treppenhaus voll. Spießige Nachbarn, denke ich und grinse.

Als ich die Tür aufschließe reagiert hinter der Tür, in der Wohnung, nichts. Vielleicht ist er Wodka kaufen gegangen. Vielleicht war das Gras leer. Oder die Tabletten sind wieder in irgendeine undefinierbare Flüssigkeit gefallen und haben sich lautlos aufgelöst. Ich betrete die Wohnung und stelle meine Tasche neben den Schrank. Unterbewusst lasse ich meine Schuhe an.

Ich rufe seinen Namen. Das tue ich instinktiv, das tue ich immer. Denn schließlich ist alles, wie immer. Keine Antwort. Hoffentlich schläft er. Hoffentlich schläft er ohne Wodka. Hoffentlich muss ich keine Kotze aufwischen. Oder Blut.

Blut. Nüchtern registriere ich, dass die Wand voller Blut ist. Und er darunter liegt. Und nicht atmet. Gar nicht mehr. Fast Fuß an Fuß stehe ich mit ihm dort. Mein Blick wandert nach oben zu dem verschmierten Blutfleck. Ich bewege mich nicht. Er tut es ja auch nicht. Mehr.

Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich weiß nicht, was jetzt passieren soll. Und ob mir ein Leben mit Tabletten, Gras und Wodka nicht lieber gewesen wäre. Meine rechte Hand greift zu dem Telefon neben mir. Ich wähle die Nummer der Notrufzentrale.

„Ich brauche...“ sage ich.

„Ja? Hallo? Frau...?“ hallt es vom anderen Ende.

„Ich brauche die Polizei. Mein Freund hat sich erschossen.“ sage ich ruhig und fast schon gleichgültig. Die Uhr sagt mir, dass es 23.30 Uhr ist. Genau. Ich gebe die Adresse und meinen Namen durch. Und lasse nach dem Gespräch das Telefon fallen. Der Aufprall auf dem Parkettboden ist schmerzlich laut. Ich muss mich erst wieder an Lautstärke gewöhnen. Das alles hier dauert bereits mindestens drei Ewigkeiten. Ich drehe mich um und verlasse die Wohnung. So, wie ich es immer tat, als er den Wodka zu schnell trank. Oder als er Gläser in der Nähe meines Kopfes zerschmetterte. Kaputt. Und jetzt: Aus.

Ich hätte es wissen sollen. Ahnen. Denken. Und verdammt noch mal irgendwas unternehmen. Aber ich lief. Ich ließ die Tür offen, die untere Haustür ebenfalls. Und rannte um mein Leben. Weg von meinem zerlegten Freund mit dem Hirn an der Wand. Weg von der nach Kotze stinkenden Wohnung. Weg von den tausend von Jointblättchen. Weg von den verklebten Gläsern. Überall. All das war überall. Aber es ist vorbei. Ich hätte nichts tun können. Es war seine Entscheidung.

Und ich renne bis ich hinfalle und einfach liegen bleibe.

Wir alle fallen irgendwann hin und wollen einfach liegen bleiben. Jetzt ist mein LiegenBleiben an der Zeit. Ja, definitiv.
28.3.08 10:05
 
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chaoswind / Website (31.3.08 22:25)
und der wind weht durch dein haar und es laeuft dir ein kalter schauer ueber den ruecken. der asphalt drueckt nass und kalt gegen deinen warmen, pulsierenden koerper. doch innerlich ist dir kalt. du hast noch das rot von seinem blut an der wand im kopf. vor und zurueck, wie eine kamera auf einer schiene faehrt dein blick von der wand weg und wieder zurueck. immer schneller, als wuerdest du in einer bunt leuchtenden bar trinken und haettest ein paar pillen zu viel eingeworfen. vor und zurueck. doch als du die augen aufschlaegst, siehst du nur den grauen strassenbelag, und die blendenden lichter eines herannahenden fahrzeugs.

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